EDWANCE — Eudaimonische Gestaltung von Arbeitsassistenzsystemen

Motivation

Die Welt der industriellen Arbeit befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Einerseits wird das Arbeitsumfeld zunehmend technologisiert, wie Entwicklungen im Bereich der KI und Sensorik zeigen. Andererseits nehmen die soziodemografischen Herausforderungen zu. So muss eine alternde Belegschaft motiviert und an das Unternehmen gebunden werden und möglicherweise mit wissensintensiven, produktiveren Aufgaben betraut werden. Zudem ändern sich auch die Präferenzen potenzieller Arbeitssuchender. Was das Arbeitsfeld angeht, so sind einige Sektoren möglicherweise nicht mehr attraktiv. Um den Rückgang der Ausbildungsplätze in diesen Sektoren zu kompensieren, muss die Industrie qualifizierte, in den Ruhestand gehende Arbeitskräfte durch junge, ungelernte Arbeitskräfte ersetzen. Es gibt auch Hinweise darauf, dass jüngere Arbeitnehmer mehr Wert auf eine interessante Arbeit legen als ältere, was sich sowohl auf die Arbeitsgestaltung als auch auf die zur Ausführung der Arbeit verwendeten technischen Hilfsmittel auswirkt. Schließlich haben auch die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie Arbeitnehmer dazu veranlasst, neu zu bewerten, ob ihre Arbeit ihre Bedürfnisse erfüllt. Dies hat zu einem neuen Interesse am Wohlbefinden geführt, das Druck auf die Arbeitgeber ausübt.

Insgesamt stehen die Arbeitgeber also vor multiplen Herausforderungen. Diesen soll durch eine Technologiegestaltung begegnet werden, die eine Mensch-Maschine-Symbiose schafft, um den Bedürfnissen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern besser gerecht zu werden. Zusammengefasst bedeutet dies, dass interaktive Lösungen für drei zentrale Anforderungen entwickelt werden müssen:

  • R1: Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit und der Produktivität älterer Arbeitnehmer, 
    um ihnen helfen, mit dem technologischen Wandel Schritt zu halten, ihren Verlust an körperlichen/kognitiven Fähigkeiten auszugleichen, und/oder
  • R2: Verbesserung der Produktivität und der Fähigkeiten jüngerer, unerfahrener oder gering qualifizierter Arbeitnehmer sowie,
  • R3: das Wohlbefinden der Arbeitnehmer und die Arbeitszufriedenheit zu steigern. 

In den letzten Jahren wurden die ersten beiden Anforderungen u. a. durch die Entwicklung von Assistenzsystemen für Arbeitnehmer, den so genannten „Work Assistants“ (im Folgenden kurz: WA), technologisch angegangen. Ein Assistent besteht typischerweise aus einer Anwendung oder einem Agenten, der den Benutzer in einem bestimmten Aktivitätskontext interaktiv unterstützt, basierend auf der Delegation des Benutzers oder der Initiative des Agenten. Dabei lag der Fokus typischerweise primär auf der Erfüllung von R1 und R2. Die Folgen dieser Überbetonung von Effizienz und Produktivität bei der Entwicklung und dem Einsatz von Assistenten sind bereits sichtbar. Studien aus der Praxis zeigen, dass WAs zwar das Potenzial haben, die Produktivität zu steigern, dass diese Systeme in ihrer derzeitigen Form aber keine Verbesserung der Arbeitswelt aus Arbeitnehmersicht bewirkt haben. 

Kerngedanke und Neuheit

Mit dem Projekt EDWANCE konzentrieren wir uns unter Sicherstellung von R1+R2 auf R3, d. h. auf die synergistische Förderung des Wohlbefindens und der Produktivität der Mitarbeiter durch die Gestaltung und den Einsatz von Assistenten. Wir gehen davon aus, dass sobald Assistenten ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit sind, das Wohlbefinden im Voraus bedacht und ausdrücklich in ihre Gestaltung und Interaktivität einbezogen werden sollte. Das Wohlbefinden soll dabei breit verstanden werden und nicht mehr nur einseitig auf die Messung eines kurzfristig positiven Affekts abzielen („Spaß“ oder hedonisches Wohlbefinden). Vielmehr soll bezüglich des Wohlbefindens der eudaimonische Ansatz verfolgt werden, der den Schwerpunkt vom kurzfristigen Spaß zur eher langfristigen Freude an der Arbeit oder den Aufgaben und deren Zweck hin verlagert. Das Wort eudaimonia stammt aus der altgriechischen Philosophie und wird häufig der aristotelischen Ethik zugeschrieben. 

Die Konzepte des eudaimonischen Wohlbefindens konvergieren um vier Schlüsselprozesse: Exzellenz (oder Tugend, Streben nach hohen Standards und Qualität), Wachstum (oder Selbstverwirklichung, Erwerb von Wissen, Einsichten und Fähigkeiten), Bedeutung (oder Beitrag, Erleben von Bedeutung und Wert) und Authentizität (oder Autonomie, die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen). Empirische Studien haben inzwischen bewiesen, dass die Förderung von Eudaimonie im Arbeitskontext sich positiv auf verschiedene arbeitsplatz- und karrierebezogene Ergebnisse auswirkt. Dazu gehören Arbeitsengagement und Eigeninitiative, der Beitrag zur organisatorischen Effizienz und Leistung, Arbeitszufriedenheit, Inspiration und die Verringerung von Arbeitsstress und Ängsten.

Geplante Inhalte und Ergebnisse

Das Projekt konzentriert sich auf zwei Hauptkategorien der Unterstützung im industriellen Kontext. Die erste, manuelle Arbeit, besteht aus WAs, die Arbeiter bei der Ausführung von hauptsächlich grob- und feinmotorischen Aufgaben in Bereichen wie Fertigung, Montage und Logistik unterstützen. 

In der zweiten Kategorie der Unterstützung, der Wissensarbeit, sind die Aufgaben überwiegend kognitiver Natur mit einigen manuellen Komponenten, wie z. B. Planung, Fehlersuche und Wartung. Die Interaktionstechniken von WAs variieren je nach Kontext. In einem typischen Montageszenario kann ein Assistent beispielsweise Anweisungen auf den Tisch projizieren (Augmented Reality) oder sie auf einem externen Bildschirm anzeigen, während er den Fortschritt des Benutzers mit Sensoren (z. B. einer Tiefenkamera) verfolgt, um Fehler zu erkennen. Mit einer intelligenten Brille oder einem Mixed-Reality-Gerät können die Anweisungen durch 3D-Modelle ergänzt werden. Im Logistikszenario können die gleichen Interaktionsparadigmen verwendet werden, um Arbeiter durch Lagerhäuser zu führen, oder in einem Wartungsszenario werden Anweisungen auf das Sichtfeld der Arbeiter projiziert. In Abb. 1 sind einige dieser Anwendungsfälle dargestellt.

Abb. 1: Anwendungsbeispiele für Arbeiterassistenten (von links nach rechts: Mixed-Reality-Wartung, Augmented-Reality-Assistenz mit Mensch-Roboter-Kollaboration und Produktmontage)

Für diese zwei Hauptkategorien werden eudaimonische WAs gestaltet und erprobt. 

Beispiele im Bereich der Exzellenz wären Verbesserungstipps oder Elemente zur Steigerung der Motivation (Gamification); für Wachstum das Anbieten passender Lerneinheiten; für Bedeutung Erläuterungen zu vor- und nachgelagerten Prozessschritten und zum Beitrag für die Unternehmensziele sowie für Authentizität schließlich eine selbstbestimmte Prioritätensetzung der Arbeitsoptimierung. 

Nutzen

  • Nutzen zur Mitarbeitergewinnung: „Unsere Arbeitsplätze werden nach neuesten Erkenntnissen gestaltet, um Produktivität und Wohlbefinden synergistisch zu unterstützen“.

  • Nachhaltiges Management von Produktivität und Wohlbefinden durch eudaimonische Assistenzsysteme maximiert die Mitarbeiterbindung und reduziert die Krankheitsabwesenheit.

  • Verbesserte Produktivität, Vitalität, Arbeitsengagement und Arbeitszufriedenheit. 

  • Das Employer Branding profitiert von modernen, in die Arbeit integrierten Schulungen und Weiterbildungsmöglichkeiten.

Kooperationspartner

  • Institut für industrielle Informationstechnik – inIT an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe (Prof. Dr.-Ing. Dr. phil. Dr. rer. soc. Carsten Röcker)
  • HMU Health and Medical University Erfurt, Lehrstuhl für Medizinische Psychologie (Prof. Dr. phil. Dr. rer. nat. habil. Holger Muehlan)